The Queen of Textile: Seide aus Siam

In der Wahrnehmung der Welt scheinen die Begriffe „Thailand und Seide“ heutzutage ebenso zusammenzugehören wie England und Tee, Brüssel und Spitze oder Japan und Kimono.
Wie die thailändische Seide allerdings zu ihrem Weltruhm kam, ist eine spannende – und gar nicht allzu weit in die Vergangenheit führende Geschichte:
Zwar hat das Züchten von Seidenraupen und das Verarbeiten der Seidenfäden zu Stoffen durchaus Tradition in der bäuerlichen Gesellschaft Siams als Beschäftigung für jene Monate, in denen die Arbeit auf den Reisfeldern ruhte. Eine ökonomische Rolle spielte die Seidenproduktion aber Jahrhunderte lang – nein, Jahrtausende lang nicht.

Der erste Versuch, vor allem die Seidenraupenzucht zu organisieren und zu professionalisieren, wurde unter der Herrschaft des berühmten Königs Rama V. „Chulalongkorn“ Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts unternommen, der das Königreich Siam einerseits dem Westen öffnete und vielfältige internationale Einflüsse zuließ, andererseits aber viel für die nationale Identität Siams und dessen Produkte tat.
Allerdings waren die zu dieser Zeit gewonnenen Seidenfäden grob und kurz, konnten daher auf dem Webstuhl nur für die waagrechten Fäden (den Schuss) verwendet werden, nicht als Kettfäden, die aus Übersee importiert werden mussten.
Die Seidenraupenzucht war besonders im Nordosten des Landes weit verbreitet. Rohseide wurde dann entweder für den Hausgebrauch auf einfachsten Webstühlen selbst verarbeitet oder/und nach Bangkok geschickt, um dort in größerem Stil, immer aber noch in vollkommener Handarbeit, verwebt zu werden. Als mit Beginn der Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts der Markt mit maschinengewebter Seide aus Europa oder Japan überschwemmt wurde, schwächelte die Seidenproduktion in Thailand immer mehr – die wertvollen handgewebten Seidenstoffe wurden nur zu seltenen, ausgewählten Anlässen von der Bevölkerung getragen, die heimische, zeitaufwändige Manufakturproduktion wurde zurückgeschraubt.


Erst das Engagement des Amerikaners Jim Thompson, der letztlich zu einer der legendärsten Persönlichkeiten Südost-Asiens wurde, brachte den Durchbruch für den internationalen Ruf der thailändischen Seide und gab damit auch den Startschuss für das wachsende Interesse an heimischer Qualitätsseide im Land selbst.

Heute gibt es – der Tradition Jim Thompsons folgend – besonders im Norden und Nordosten Thailands etliche Manufakturen, die neuere Technologien einsetzen und erfolgreich halbmaschinell oder maschinell gewebte Seide erzeugen.
In Bezug auf handgewebte Seide höchster Qualität ist Thailand nach wie vor Weltmarktführer im Export. Dennoch ist ein Überleben dieses Wirtschaftszweiges keineswegs gesichert – in einer globalisierten Welt locken auch in Thailand Dienstleistungsbranchen und die Hoffnung auf das schnelle und leicht verdiente Geld tausende und abertausende junge Menschen in die Städte.
Königin Sirikit selbst sieht es daher als ihre persönliche Aufgabe, durch ihre Vorbildwirkung im Tragen thailändischer Seide, durch ihr Engagement in der Öffentlichkeitsarbeit und durch das Gründen von Forschungsinstitutionen, Instituten und Stiftungen zur Förderung der Seidenproduktion und der Vermarktung einen Gegentrend zu setzen.


Eines dieser neu gegründeten Institute ist das Hariphunchai Intitute of Hand-Woven Fabric in Lamphun, das sich mit dem Erhalt der wohl wertvollsten Seiden-Webtechnik – jener für Brocate Thai Silk – beschäftigt. Mit dessen Geschäftsführerin durften wir ein ausführliches, hochinteressantes Gespräch über ihre Sicht der Zukunft des wertvollsten Gewebes der Welt führen.