Wolfgang Thaler: „Der Luster ist das Gestirn der Innenräume“

Wolfgang Thaler mit seiner Großformatkamera

Haben Sie sich jemals gefragt, warum eine Kameralinse rund ist, das damit aufgenommene Bild aber viereckig? Der Fotograf Wolfgang Thaler spielt genau mit jenem Gedanken – und begibt sich damit in Gemächer, in denen Luster eine spannende Rolle spielen. Ab 19. Oktober ist seine Ausstellung „Im Kreis der Luster“ in den Schauräumen von J. & L. Lobmeyr in der Salesianergasse 9, 1030 Wien, zu sehen.

 

Interview: Hannes Kropik

Herr Thaler, wie ist es zur Zusammenarbeit mit J. & L. Lobmeyr gekommen?
Begonnen hat es mit einem technischen Spleen. Und das ist für mich eigentlich untypisch, denn ich finde, dass die Technik beim Fotografieren nicht so sehr im Vordergrund stehen sollte. Aber ich hatte diese Idee, den Spieß umzudrehen: Ich nehme hier nicht den Ausschnitt aus dem Kreis, den die Linse normalerweise herstellt, sondern nehme tatsächlich den ganzen Kreis auf.

Zum besseren Verständnis für Laien wie mich: Die Linse meiner Kamera, auch jener am Handy, ist rund, trotzdem bekomme ich viereckige Bilder …
Die Linse kann ja gar nicht eckig sein. Deshalb stellt die Linse automatisch ein kreisförmiges Bild her. Wir nennen das Bildkreis. Aber aus dem heraus wird im Normalfall ein viereckiger Ausschnitt bestimmt. Das ist Fotografie, wie wir sie kennen. Jede Kamera funktioniert so.

Dass Sie jetzt zeigen, was eine Kameralinse tatsächlich sieht, ist ziemlich ungewöhnlich.
Es ist ein spielerischer Gedanke. Anfangs hatte ich gar keine Motivwelt dafür im Kopf. Aber ich habe generell ein großes Interesse an Innenräumen. Ich finde es spannender, Innenräume zu fotografieren als Außenräume. Und wenn man so will, dann ist der Luster so etwas wie das Gestirn der Innenräume. Man muss diesen Gedanken jetzt auch nicht zu sehr bemühen, aber wenn man einen Raum als Kosmos sieht, dann ist der Luster so eine Art Sonne. Dann hat mich jemand auf den Metropolitan-Luster von Lobmeyr aufmerksam gemacht und der ist natürlich das beste Beispiel, wenn man den Luster als Gestirn sieht.

Und dann haben Sie Kontakt zu J. & L. Lobmeyr aufgenommen?
Ja. Johannes Rath, einer der drei Geschäftsführer, hat mich freundlicherweise in seine Räumlichkeiten eingeladen und daraus ist soviel Vertrauen entstanden, dass er mir die Möglichkeit eröffnet hat, auch in Privatwohnungen zu fotografieren, in denen Lobmeyr-Luster hängen.

Was bei den Bildern auffällt: Sie drehen sich um die Luster, aber der Luster steht beziehungsweise hängt nicht im Mittelpunkt.
Ich erzähle mit diesen Bildern natürlich auch etwas über die Innenräume beziehungsweise man benutzt diese Innenräume, um kleine Geschichten zu erzählen. Es basiert alles nur auf Andeutungen, vieles ist nur angeschnitten. Der Luster ist, wenn man so will, der rote Faden, der sich durch die Erzählungen zieht.

Durch ihre runde Form wirken die Bilder irgendwie verwirrend.
Interessanterweise erweckt mein Wunsch nach Totalität, also danach, den gesamten Bildkreis zu zeigen, bei Betrachter den Eindruck eines Gucklochs. Dieser Effekt ist nicht beabsichtigt, aber ich nehme ihn hin. Die Vorstellung des Gucklochs führt ja wiederum zu dem Gefühl, dass unser Blick in etwas Geheimnisvolles eindringt – und man nicht das Ganze sieht, sondern nur einen kreisförmigen Ausschnitt. Das ist ein erstaunlich widersprüchliches Ergebnis zum eigentlichen Gedanken des Bildkreises.


Wie lange haben Sie an dieser doch recht umfangreichen Serie gearbeitet?
Ich habe damit etwa vor zwei Jahren begonnen. Es war eine sehr angenehme Arbeit, denn ich konnte sie ohne Zeitdruck nebenher machen.

Die Kamera, mit der Sie diese Bilder aufgenommen haben, wirkt für sich schon außergewöhnlich.
Auch wenn sie so alt aussieht: Das ist sie gar nicht: Es ist eine 4 x 5 Inch-Kamera, wie man sie heute noch kaufen kann. An dieser Kamera wird eine Kleinbild-Nikon-Optik angebracht – und das ist, wenn man so will, eine unorthodoxe Anordnung. Der Grund ist der: Ich habe kaum Objektive gefunden, deren Bildkreis nicht größer als mein Film ist. Der Bildkreis muss kleiner als zehn Zentimeter sein, sonst geht sich mein Vorhaben nicht aus.

Und Sie fotografieren nicht digital, sondern tatsächlich noch auf Film.
Ja, natürlich, 4 x 5 Inch – man nennt es auch Großformat – geht nur auf Film. Und ich fotografiere in diesem Fall in schwarz-weiß. Für jedes Foto lege ich ein neues Blatt in meine Filmkassette. So zu fotografieren, das ist im Prinzip ein altes Handwerk.

Man könnte Ihnen natürlich die Frage stellen: Warum betreiben Sie für diese Bilder so großen Aufwand? Sie könnten ein ähnliches Ergebnis doch auch durch digitale Bearbeitung „normaler“ Bilder bekommen.
Ja, diese Frage könnte man stellen. Aber nur so zu tun, als ob, wäre langweilig und damit uninteressant. Für mich ist jedes Bild das Ende eines Gedankenweges. Es geht mir also auch um all die notwendigen Schritte, bis ein Foto entstehen kann.

Der in Wien lebende Architekturfotograf Wolfgang Thaler, 49, besuchte nach der Matura zwei Jahre lang die Bayerische Staatslehranstalt für Photographie in München. Als freier Fotograf arbeitet er „von je her aus der Künstlerperspektive heraus“. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, das erste 1995 (gemeinsam mit Clarissa Stadler) über die Kaffeehauskette „Aida“. Zur Zeit arbeitet der gebürtige Salzburger an drei neuen Büchern. Eines dreht sich um die Bibliothek des 2010 in Wien verstorbenen serbischen Architekten, ehemaligen Bürgermeister von Belgrad und Dissidenten Bogdan Bogdanovic, ein anderes widmet sich der Doppelbegabung des ehemaligen Fußballers und Architekten Gerhard Hanappi. Für sein „Wien-Hotel“-Projekt fotografiert Thaler sämtliche Hotel-Lobbies in der Bundeshauptstadt: „Sie stellen für mich eine zusammenhängende Kulturlandschaft dar.“

Weiterführende Links:
www.wolfgangthaler.at
www.meisterstrasse.at/glas-beleuchtung-lobmeyr